Wie erwähnt, hat Sperrmüll eine magische Anziehungskraft auf das Glühwürmchen. Schon mancherlei, was jemand entsorgte, fand seinen Weg auf meinen Flohmarkttisch. Dort Ungewolltes an Menschen zu verkaufen, denen es lieb und von Nutzen war, besserte mein mageres Portemonnaie während meiner Arbeitslosigkeit auf, legal, ohne dass ich dem Amt Rechenschaft darüber schuldig war.
Im Wohlstandsmüll herumzuwühlen ist sicher alles andere als rühmlich, und ich habe so manchen anzüglichen Blick kassiert. Aber dann tröste ich mich immer mit dem Gedanken eines früheren Fundes. Ich hatte einen handbreit hohen Stapel alte Micky Maus Hefte auf Sperrmüll in einem alten Koffer gefunden – Erstausgaben aus den 40er oder 50er Jahren, jedenfalls super super alt und gut erhalten. Ein Exemplar brachte mir sogar 28 DMark ein, das war damals viel Taschengeld, mehr als ich damals monatlich von meinen Eltern bekam.
Eines warmen Sommerabends war es wieder soweit. Nachbarn trugen ihr sperriges Hab und Gut aus Wohnungen und Kellern, um es am anderen Morgen abholen zu lassen. Ich fand zwei hellblaue Plastikmüllsäcke, die mit Papierkrams gefüllt waren. Es war ein zu schöner lauer Sommerabend, um im stickigen Kämmerlein die Säcke zu durchsuchen. Darum pfiff ich auf alle anzüglichen Blicke von Passanten, Amseln pfiffen die aufkommende Dämmerung an und ich setze mich vor dem Elternhaus auf den sommerwarmen Steinboden. Ich leerte beide Säcke aus und begann zu sortieren. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Soll heißen: die alten Briefumschläge mit noch älteren Briefmarken darauf legte ich zur Seite während der nicht brauchbare Papierkram zurück in die Säcke und zum Sperrmüll wanderten.
Beinahe jeden Briefumschlag betrachtete ich eingehend. Sie waren teilweise mit altdeutschen Schrift geschrieben. Und teilweise sogar noch in der alten Art adressiert: Damals schrieb man Postleitzahl und Ort noch VOR der Zeile für Straße und Hausnummer. Auf einmal stutzte ich, konnte nicht glauben, was ich da las. Es war ein Umschlag mit ausländischer Marke trug als Absender die Adresse von Vaters Kusine, die in den 50er Jahren nach Kanada ausgewandert war. Die Empfänger waren die Eltern meines Vaters! Der Brief war an deren frühere Adresse in Heimatmetropole, von der sie vor über 30 Jahren in einen anderen Ort gezogen waren; übrigens ein ganz anderer Stadtteil, als welchen meine Eltern seit meiner Geburt bewohnen.
Diese Fragen bleiben wohl ein ewiges Rätsel: Wie ist dieser eine Briefumschlag in andere Hände geraten? Wurde er womöglich von einem Sammler zum Anderen gereicht, bis dieser Umschlag mit unzähligen anderen in einem fremden Stadtteil auf dem Sperrmüll landete? Wie trägt es sich zu, dass ausgerechnet die Enkelin der Adressaten an diesem Sperrmüllvorabend die Eltern besuchen will, zufällig den Sperrmüll in der näheren Nachbarschaft bemerkt und sich dann, statt bei den Eltern zu schellen, die beiden blauen Plastiksäcke vom Sperrmüll fischt, um diese Briefmarken auf den Umschlägen auf dem Flohmarkt zu verkaufen?
Wie schade, dass beide Eltern meines Vaters damals schon nicht mehr lebten.
Wie gerne hätte ich meinen Großeltern davon erzählt – und den Briefumschlag wieder in die Hände der einstigen Empfänger gegeben!